Katastrophe bei Zeltfest

Katastrophe bei Zeltfest

Katastrophe bei Zeltfest

By Markus Reitsamer on 20. Sept.2017
Hinweis:
Die in diesem Bericht enthaltene Analyse gibt die ganz persönliche Meinung des gezeichneten Autors wieder und entspricht keinesfalls zwingend der Haltung und Meinung der anderen Mitglieder des KatSchutz.info-Teams.

"So eine Katastrophe war un-vorhersehbar!"
Kam tatsächlich alles völlig unerwartet?

Bei einem Feuerwehr-Zeltfest im Ortsteil Frauscheck in der >>> Gemeinde St. Johann im Walde im Bezirk Braunau in Oberösterreich kam es am Freitagabend den 18. August 2017 beim Zeltfest der >>> Freiwilligen Feuerwehr Frauschereck zu einer Katastrophe. Eine heftige Sturmböe hatte das große Festzelt erfasste und zum Einsturz gebrachte.

Zwei Menschen wurden dabei getötet. Mehr als 100 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Einige Opfer kämpfen auf der Intensivstation noch um ihr Leben.

Artikel zur Katastrophe
Artikel zur Katastrophe
>>> VIDEO 1
>>> VIDEO 2
>>> VIDEO 3
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>>> VIDEO 5

Laut Oberösterreichs Feuerwehrkommandant Dr. Wolfgang Kronsteiner steht hinter dem Feuerwehrfest ein „sehr erfahrener, sehr umsichtiger und sehr vorsichtiger Veranstalter. Kronsteiner sagte, es gebe keinen Zweifel daran, dass alle Auflagen und Sicherheitsmaßnahmen beachtet wurden. Es sei auch ein TÜV-geprüftes Zelt zum Einsatz gekommen, dass nicht nur für solche Veranstaltungen, sondern auch für die Gegend geeignet sei. Kronsteiner meinte, so etwas habe man noch nie erlebt. Die Natur habe auf dramatische Weise gezeigt, wie verletzbar wir sind.

Landes Feuerwehr-Kdt. Dr. Kronsteiner im >>> Interview

Zudem seien die orkanartigen Böen, die das Festzelt vollständig zum Einsturz brachten, in dieser Stärke nicht vorhergesagt worden. Die Wetterlage sei ständig beobachtet worden. „Weil die Warnungen ja da waren, aber es gab keinerlei Anzeichen für so ein Ereignis“, sagte der Kommandant der Feuerwehr Frauscheck, Erich Feichtenschlager. Er sei zum Zeitpunkt der Orkanböe selbst beim Zelt gewesen, habe gerade Richtung Wald geschaut, als es geschah. Und „in fünf bis zehn Sekunden sei das Zelt weg gewesen.

Mit diesem Ereignis habe niemand rechnen können. So der Bürgermeister von St. Johann im Walde, Gerhard Berger (SPÖ), der so wie Kronsteiner ebenfalls Verfehlungen bei den Vorbereitungen ausschloss.

Es dürfen nun keine voreiligen Schlussfolgerungen gezogen werden. Auch Schuldzuweisungen an einzelne vor Ort handelnde Personen sind fehl am Platz.
Jedoch ist es angezeigt, sich über das Geschehen Gedanken zu machen. Auch kritische Fragen sind zu stellen.

  • Wurden die in der >>> Veranstaltungsanzeige anzugebenden „...vorhandenen und vorgesehenen Sicherheitseinrichtungen und Sicherheitsvorkehrungen...“ gemäß  >>> OÖ Veranstaltungssicherheitsgesetz eingehalten und erfüllt?
  • Wer hatte vor Ort einen Gesamtüberblick über die Wetterlage?
  • Wie kamen die notwendigen Wetter-Informationen an die richtigen Empfänger?
  • Wer konnte die empfangenen Informationen über die Wetterentwicklung richtig bewerten?
  • Gab es eine übergeordnete Stelle, welche das Wettergeschehen laufend beobachtet hatte und wenn möglich rechtzeitig Alarm auslösen hätte können?
  • War durch eingehende Wetterbeobachtung der Wetterentwicklung über einen längeren Zeitraum das drohende Sturmereignis mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersehbar?
  • War das Wettergeschehen somit vorhersehbar und ist nicht ".....plötzlich und völlig unerwartet...." einfach vom Himmel gefallen?
  • Gab es klare Anzeichen dafür, dass ein heftiges Unwetter mit starken Sturmböen somit auch das Innviertel treffen wird?
  • Oder sind derartige unvorhersehbare Wetterereignisse eben als ganz normales Lebensrestrisiko anzusehen?

Wetterwarnungen oder doch nicht?

Es sei zumindest zwei Stunden vorher absehbar gewesen, dass es zur fraglichen Zeit im Bezirk Braunau zu einem starken Gewitter mit Sturmböen kommen werde. Das sagte Nikolas Zimmermann vom Wetterdienst >>> Ubimet.

Möglicherweise hat es auch am >>> Vorhersageportal INCA der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) erste Hinweise auf eine herannahende Gewitterfront mit hohen Windgeschwindigkeiten gegeben.

Bereits am Vormittag des 18. August 2017 gab es für die betroffene Region auf dem Internetportal der >>> ZAMG eine orange >>> Gewitterwarnung. Das bedeutet: Organisierte Gewitterlinien mit Starkregen, Sturmböen, Hagel möglich. Ebenso Schäden durch Blitzschlag, Baumbruch und Beeinträchtigungen bei der Infrastruktur. Eine solche Warnung ist selten. Wird für Salzburg und Oberösterreich etwa fünf Mal pro Jahr ausgegeben. Völlig überraschend kam der Sturm in dieser Heftigkeit also nicht.
Ein bis zwei Stunden vor dem Unglück hat es für das Innviertel und Mühlviertel eine neuerliche Sturmwarnung mittels Kurz-Warnung durch die ZAMG gegeben. Dabei war für die Zeit zwischen 22 und 23 Uhr vor Windböen mit Geschwindigkeiten um die 120 km/h gewarnt worden. (An der ZAMG-Messstelle in >>> Braunau/Ranshofen wurden zum Unglückszeitpunkt dann tatsächlich Windgeschwindigkeit von 126 km/h gemessen).
Solche Kurz-Warnungen gehen allerdings nur an ZAMG-Abonnenten. Die OÖ Landeswarnzentrale hat diese Warnung bekommen. Dort wusste man somit: Das kann heikel werden. Die FF Frauschereck als Veranstalter jedoch hat diese spezielle Kurz-Warnung nicht erhalten, da sie diesen Dienst nicht abonniert hatte.

Das Wettergeschehen und die Wetterentwicklung haben sich am Freitag, 18.8.2017 auf >>> Kachelmannwetter lange vorher wie folgt beobachten lassen:

>>> https://kachelmannwetter.com/at/stormtracking/oesterreich/radar/20170818-1915z.html
>>> https://kachelmannwetter.com/at/stormtracking/oesterreich/radar/20170818-1925z.html
>>> https://kachelmannwetter.com/at/stormtracking/oesterreich/radar/20170818-1945z.htm
>>> https://kachelmannwetter.com/at/stormtracking/oesterreich/radar/20170818-1955z.htm
>>> https://kachelmannwetter.com/at/stormtracking/oesterreich/radar/20170818-2005z.htm

>>> https://kachelmannwetter.com/de/stormtracking/bayern/radar/20170818-2020z.html

Windgeschwindigkeiten in Bayern am Freitag, 18.8.2017 um 21:00 Uhr
>>> https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/bayern/windboeen/20170818-1900z.html

Das >>> OÖ Veranstaltungssicherheits-Gesetz besagt u.a., dass der Veranstalter dafür zu sorgen hat, dass die Besucherinnen und Besucher im Notfall rechtzeitig zum Verlassen der Veranstaltungsstätte aufgefordert werden und diese auch rasch und gefahrlos verlassen können.

Jedes Unglück hat seine sehr spezifische Entstehungsgeschichte und einen speziellen Ereignisablauf. Nach der tödlichen Katastrophe in Sankt Johann am Walde ermittelt nun die >>> Staatsanwaltschaft.
Ermittelt wird, ob das Zelt ordnungsgemäß aufgebaut war und ob Unwetterwarnungen beachtet wurden. Eine Stellungnahme der >>> Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) werde angefordert.

Es wird dabei auch um die Frage gehen, ob es Wetterwarnungen für einen derartigen Sturm gab. Und eventuell eine Evakuierung des Festzeltes erforderlich gewesen wäre. Die diesbezüglichen Untersuchungen der Staatsanwaltschaft sowie deren Bericht sind abzuwarten. Danach sind jedoch allenfalls notwendige Schlüsse zu ziehen und auf übergeordneter Ebene die erforderlichen Maßnahmen umgehend umzusetzen.

  • Es geht eben nicht um Vorverurteilungen, Schuldzuweisungen oder voreilige Schlussfolgerungen. Es geht aber auch darum:
    Was kann man aus so einer Katastrophe lernen?
  • Was kann zukünftig organisatorisch eventuell besser gemacht werden?
  • Sind auch bei solchen Veranstaltungen laufende Wetterbeobachtungen und allfällige zeitgerechte Wetterwarnungen durch Fachleute vorzusehen?

Dabei ist klar und deutlich festzuhalten:

  • Wie sollte ein Veranstalter etwa eines Feuerwehr-Festzeltes laufend Wetterbeobachtungen durchführen?

  • Müsste diese Wetterbeobachtung durch den Kdt erfolgen oder gäbe es dafür auch einen eigenen „Wetterbeobachter“?

  • Welche der zahlreichen Internet-Wettervorhersage-Seiten müssten dabei beobachten werden?

  • Wie lange vor einer Veranstaltung müsste das Wettergeschehen beachtet werden?

  • Würde das Aufrufen einer einzigen Wettervorhersage-Seite genügen?

  • Oder müssen zwingend mehrere beachtet werden?

  • Und wenn ja, welche?

  • In welchem Zeitabstand müsste das Wettergeschehen beobachtet werden?

  • Jede Minute, alle 10 Minuten, jede 1/2-Stunde oder nur stündlich?

  • Was ist zu tun, wenn sich die einzelnen Wetterdienste bei ihrer Prognostik widersprechen?

  • Wer hat die Entscheidung vor Ort zu treffen, ob eine Veranstaltung etwa wegen eines herannahenden Unwetters abzubrechen wäre?

  • Wann muss eine Veranstaltung abgebrochen werden?

  • Und wer haftet, wenn das Unwetter doch vorüber zieht?

  • All diese Entscheidungen sollen tatsächlich einem vor Ort tätigen Feuerwehr-Kommandaten auferlegt werden?

Damit ist wohl klar ersichtlich:

Eine solche Herkules-Aufgabe kann und darf einem einzelnen Kommandanten einer Ortsfeuerwehr einfach nicht aufgebürdet werden! Eine derart fundierte Wetterbeobachtung und -bewertung kann nur von fachlich dazu ausgebildeten und geschulten Kräften auf höherer Ebene erfolgen.
Eine derartige Wetterbeobachtungsstelle kann meiner Meinung nach nur zentral eingerichtet sein. Diese Beobachtungsstelle muss neben der reinen Wetterbeobachtung aber auch konkrete Bewertungen von drohenden Unwetter-Ereignissen abgeben. Denn auf die Bewertung kommt es letztendlich an.

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Update vom 22.8.2017

Wer ist für die Sicherheit bei Veranstaltungen zuständig?
Bei Gefahr im Verzug liegt die Verantwortung für die Sicherheit in erster Linie beim Veranstalter des Festes.
In zweiter Linie ist es der Bürgermeister, der bei Gefahr einen Abbruch verfügen muss. Bei Festen mit weniger als 2500 Gästen ist der Ortschef für die Veranstaltungsgenehmigung zuständig. Sowie für das Vorschreiben von Sicherheitsauflagen nach dem >>> OÖ Veranstaltungssicherheitsgesetz.

Staatsanwaltschaft ermittelt
Vorerst gegen unbekannt wegen >>> § 177 StGB (Fahrlässige Gemeingefährdung mit Todesfolge, Strafrahmen drei Jahre Haft). Dazu hat sie zwei Gutachter bestellt. Einer, welcher alle technischen Spezifikationen rund um das Festzelt zu untersuchen hat. Sowie zum Wettergeschehen einen Meteorologe der ZAMG. Zudem wird ermittelt, welche Personen wann wie und worüber informiert waren.

Update vom 13.9.2017

Zeltfest-Katastrophe: Werden die Auflagen nun strenger?
Zelte sollten nach Aufbau stets von einem Zivilingenieur oder Zeltmeister technisch abgenommen werden, empfiehlt das Land Oberösterreich den zuständigen Gemeinden... >>> weiter

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